Die Dynastie Da Carrara, die Padua zur Hauptstadt machte

Die Dynastie Da Carrara, die Padua zur Hauptstadt machte
Am 22.November 1405 kapitulierte Padua nach sechzehn Jahren Krieg gegen Venedig, davon sieben Jahre unter Belagerung, und Francesco II. Novello, der letzte Stadtherr Da Carrara, stellte sich zusammen mit seinem Sohn Francesco III. den Venezianern und wurde im Palazzo Ducale (Dogenpalast) eingesperrt. Dort erwartete die beiden bereits Jacopo, ein weiterer Sohn Francescos, der im Juni desselben Jahres in Verona gefangen genommen worden war.
Am 4. Januar 1406 unterwarf sich die paduanische Gesandtschaft der Serenissima. Nur wenige Tage später, am 16. Januar, wurde Francesco Novello im Gefängnis erdrosselt, und seine beiden Söhne ereilte am 10. und 22. des gleichen Monats dasselbe Schicksal.
So endete die Herrschaft der Adelsfamilie nach fast achtzig Jahren mit einem tragischen Epilog, aber die Familie erlebte am 24. März 1435 einen weiteren Schicksalsschlag, nämlich die Enthauptung von Marsilio Da Carrara, dem Sohn und letzten legitimen Nachkommen Francesco Novellos, zwischen den Säulen von Sankt Markus und Sankt Theodorus auf der Piazzetta San Marco. Er wurde für schuldig befunden, den Versuch unternommen zu haben, Padua zurückzuerobern und die Stadtherrschaft wiederherzustellen.
Eine achtzigjährige Herrschaft, aber auch eine ruhmvolle, acht Jahrzehnte währende Geschichte, die Padua als Hauptstadt und Kunstmetropole sah, die weit über die Grenzen Venetiens hinaus bekannt war.
Aber wer waren die Da Carrara oder Carraresi?
Der Name der Familie langobardischen Ursprungs geht auf die Ortschaft Carrara Santo Stefano im Süden der Stadt zurück, wo das Adelsgeschlecht ein Schloss und verschiedene Besitzungen hatte. Nach den Plünderungen der Langobarden und der vollständigen Zerstörung Paduas im Jahr 899 durch die Ungarn gewann die Festung Monselice mit ihrer Verteidigungsanlage und den umgebenden Mauern eine immer größere Bedeutung in diesem Gebiet und begünstigte auch das Wachstum der Familie Da Carrara, die dort mehrere Ländereien besaß. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts, als Padua sich wieder bevölkerte und erneut Bischofssitz war, wurde das Schloss mit einer neuen Mauer befestigt, während sich auch die Familien Da Carrara, Camposampiero und Vigodarzere in der Stadt neue Residenzen errichteten.
Als der erste Konflikt zwischen Kirchenstaat und dem Reich ausbrach, ergriffen die Da Carrara die Partei des Bischofs gegen den Kaiser und unterstützten Verona in aller Offenheit. Diese klerikale Einstellung, die auch während der Regierungszeit Ezzelinos unter der Herrschaft Da Romano beibehalten wurde, brachte den Da Carrara einen Zugewinn an Macht, der vor allem ihrem Beitrag bei der Vertreibung Ezzelino III. des Schrecklichen im Jahr 1256 zu verdanken war. Aber die Machtübernahme, die das Ende der freien Stadt Padua und die Einführung der Signorie mit sich brachte, fand erst knapp 60 Jahre danach statt, als Jacopo I. Da Carrara im Jahr 1318 zum Volkskapitän ernannt wurde, um das paduanische Heer gegen Cangrande della Scala ins Feld zu führen, der ausgehend von Verona und unter dem Schutz des Kaisers versuchte, die im Westen liegenden Gebiete um Vicenza und Padua zu erobern. Die Familie Da Carrara liebäugelte schon lange mit der Macht, aber ihre Pläne wurden von familiären Unstimmigkeiten und Verschwörungen wie auch von anderen einflussreichen Dynastien, die ihnen die Vormachtstellung streitig machten, durchkreuzt.
Nachdem Jacopo die Truppen aus Verona zum ersten Mal zurückgeschlagen hatte, suchte er einen Verbündeten, der ihm den entsprechenden Beistand gegen die Streitkräfte der Scaliger geben sollte. Er fand bei dem Grafen von Gorizia Unterstützung, dem Reichsvikar des Herzogs von Österreich, der aufgrund der Versuche Veronas, in Richtung Norden zu expandieren, besorgt war. Diese Alleanz erwies sich 1320 als äußerst vorteilhaft, als Cangrande della Scala einen Vorstoß gegen die Stadt unternahm und sie belagerte.
Vier Jahre später, nach dem Tod Jacopos, „folgte" ihm sein Neffe Marsilio und wurde von der Kommune zum Volkskapitän ernannt. Wahrscheinlich verfügte Marsilio I. nicht über das Durchsetzungsvermögen seines Onkels, denn unmittelbar danach wurden in der Stadt Intrigen gesponnen und familiäre Streitigkeiten ausgefochten, um ihm die Macht zu entreißen. Nachdem es dem Neffen Niccolò 1328 gelungen war, seinen Onkel Marsilio abzusetzen, verbündete er sich mit Cangrande. Dieser wurde zum Vikar ernannt und blieb fast zehn Jahre lang an der Macht, bis sich Venedig angesichts der Expanionsbestrebungen Veronas und des Reichs, das seine Unabhängigkeit und die mögliche Ausdehnung seines Territoriums im Landesinnern androhte, mit Florenz alliierte und zum Angriff überging. Marsilio ergriff die Gelegenheit beim Schopf, trat dem Bündnis bei und brachte es 1337 inmitten des Chaos, das durch den Tod von Cangrande entstand, fertig, die Macht zurückzuerobern. Einige Monate später starb auch Marsilio, und Ubertini I. wurde sein Nachfolger. Ihm gelang es, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern und durch die Vermittlung der Venezianer ein Abkommen mit Verona zu treffen. Im Jahr 1343 gab dieser den Bau der Reggia in Auftrag, ein Denkmal der wiedergefundenen Macht der Familie. Zwei Jahre später starb er, und Marsilietto, genannt Papafava, trat an seinen Platz., wurde aber sofort von seinen Cousins Jacopo und Jacopino, den Söhnen von Niccolò, ermordet. Die beiden waren treue Anhänger des Kaisers Karl IV., der 1348 den Stadtherrn Jacopo II. zum Kaiserlichen Vikar ernannte. Im folgenden Jahr folgte Francesco Petrarca einer Einladung Jacopos und besuchte zum ersten Mal Padua. In der Folgezeit hielt er sich oft in der Stadt auf und verbrachte dort seine letzten Lebensjahre. Ein Jahr später fiel Jacopo einer Verschwörung zum Opfer.
Nun wurden Jacopino III. und Francesco I. der Ältere, Bruder und Sohn Jacopos, zu Stadtherren ernannt. Letzterer konnte sich auf seine militärischen Erfolge gegen die Visconti aus Mailand berufen und befreite sich im Laufe von fünf Jahren von Jacopino III, indem er ihn einer Verschwörung anklagte und im Schloss Monselice inhaftieren ließ, wo der Gefangene 17 Jahre lang eingeschlossen blieb. Schon im folgenden Jahr führten die Kontroversen mit Venedig erneut zu einem Bündniswechsel: Diesmal schlossen sich die Visconti mit dem Kaiser zusammen, um die Expansionspolitik der Serenissima zu bremsen.

Die Kunst und Kultur erlebten eine Zeit der Blüte, die zum Teil Francescos Ehefrau Fina Buzzaccarini zu verdanken war: Die Kirche Sankt Maria dei Servi in der heutigen Via Roma wurde errichtet, das Baptisterium und die Eremitani-Kirche wurden mit bedeutenden Fresken und Dekorationen ausgestattet. Die tiefe Freundschaft zwischen Francesco I. und Petrarca bewog den Dichter, sich 1360 nach Padua zu begeben, um sich dort endgültig niederzulassen. Leider zwang ihn die Pest schon im nächsten Jahr, nach Venedig zu fliehen, wo er sieben Jahre blieb. Als er wieder zurückkehrte, schenkte ihm Francesco ein Haus und einige Ländereien in Arquà auf den Colli Euganei. Petrarca zog mit seiner Tochter, seinem Schwiegersohn und seiner Enkelin dorthin und widmete sich bis zu seinem Tod im Jahre 1374 dem Schreiben. Ein Jahr zuvor gelang es ihm jedoch noch, Francesco und dessen Sohn Francesco Novello zu einem Abkommen mit Venedig zu verhelfen, das dem aufreibenden „Krieg der Grenzen" endlich ein Ende bereitete.
1378 brach der „Krieg von Chioggia" zwischen Venedig und Genua aus, in dessen Verlauf die unterschiedlichsten Alleanzen zwischen Padua, Venedig, Verona, Mailand und Österreich geschlossen wurden, und das Hoheitsgebiet der Da Carrara sich abwechselnd erweiterte und verkleinerte. Die größte Ausdehnung des Gebiets wurde im Jahr 1387 mit den Territorien Feltre und Belluno, der Einnahme von Vicenza und einer Reihe schwerer Niederlagen der Scaliger erreicht.
In der Zwischenzeit hatte die Expansion von Padua sowohl die Sforza als auch Venedig in Schrecken versetzt, die sich gegen die Stadt verbündeten. Sie gewannen die Oberhand und zwangen die Familie Da Carrara, ins Exil zu gehen. Francesco Novello gelang es erst 1390, also zwei Jahre später, in die Heimat zurückzukehren.
Allerdings war der Untergang von nun an nicht mehr aufzuhalten: Francesco I. starb 1393 als Gefangener der Visconti, und die Anstrengungen Francesco Novellos, sich den venezianischen Expansionsbestrebungen zu widersetzen, scheiterten endgültig, als die Stadt 1405 von Venedig eingenommen wurde und Francesco mit seinen beiden Söhnen eingesperrt und getötet wurde.
Daraufhin verzichtete die Familie für immer auf ihre Machtambitionen, wenn auch Francesco III., der jüngste Sohn von Francesco Novello, 1435 noch einmal versuchte, nach Padua zurückzukehren, wo er aber verhaftet und umgebracht wurde.
Der andere Zweig der Familie, der von Marsiglietto und Jacopino abstammte, welcher von Jacopo II. im Turm Rocca Pendice eingekerkert wurde, nahm den Nachnamen Papafava an, den ursprünglichen Übernamen des Vorfahren Jacopo, der die Mitglieder der Familie Da Carrara von deren Cousins unterschied. Die Papafava blieben eine der berühmtesten Dynastien der Stadt.













